Versandapotheken: Ströer kauft Vitalsana und zur Börsenbewertung der shop-apotheke.com

Der Markt im Apothekenversandhandel ist endlich mal wieder in Bewegung.

Endlich ist wieder etwas los im Apothekenversandhandel: Nach nunmehr fast 10 Jahren Langeweile passiert wieder etwas im Online-Apothekenmarkt. Zur Erinnerung: 2007 ging DocMorris mit einem Franchise-Apotheken-Konzept auf den Markt und akquirierte in kürzester Zeit eine dreistellige Anzahl an Franchise-Partnern. Es war Bewegung im Markt.

Zudem witterten – vor dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes zum Fall des Mehr- und Fremdbesitzverbot im Jahre 2009 – eine Vielzahl von Versandapotheken-Inhaber Morgenluft und rechneten sich insgeheim schon Reich, sollte es wirklich dazu kommen, dass es künftig auch in Deutschland möglich sein sollte, dass sich künftig Kapitalgesellschaften an Apotheken beteiligen könnten. Jedoch blieb nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes in Luxemburg alles beim Alten: Ausschließlich natürliche Personen, sprich Apotheker und ApothekerInnen dürfen Apotheken betreiben (und keine Kapitalgesellschaften; Fremdbesitzverbot) und weiterhin dürfen je ApothekerInn „lediglich“ eine Hauptapotheke plus maximal 3 weitere Filialapotheken betrieben werden (Mehrbesitzverbot).

Die shop-apotheke.com plant nun den Gang an die Börse, die Zeitschrift Wirtschaftswoche, aber auch eine Reihe weitere (Online-)Medien, wie auch apotheke-adhoc.de und viele mehr, berichteten ausführlich über den potenziellen Börsengang.

Nun die neueste Meldung: Ströer kauft die Versandapotheke Vitalsana. Deshalb spannend, weil mit dem Börsengang der shop-apotheke.com eine Unternehmensbewertung von fast dem dreifachen des Umsatzes angepeilt sei, mag man dem Bericht der Wirtschaftswoche glauben schenken. Am 28.09.2016 berichtete das Handelsblatt, dass der Börsengang der shop-apotheke.com am 13. Oktober 2016 stattfinden soll und das zu einem Bewertung von bis zu 294 Mio. €.

Der Vitalsana-Deal bringt nun alle wieder auf den Boden der Tatsachen: Bei einem vermeintlichen Gewinn von 1,1 Mio. Euro EBIT für das Jahr 2016 (so der Bericht von apotheke-adhoc.de), sollen 4,5 Mio. € für die Übernahme der Vitalsana bezahlt worden sein. Ein Multiple auf den EBIT von etwa 4. Das ist bodenständig und, aus der Perspektive und der Erfahrung eines Management-Beraters, auch ein recht fairer und guter Deal. Für beide Seiten, also für Ströer sowie für die Verkäufer, sprich den Gesellschaftern der Vitalsana, wie ich finde.

Allerdings platzen damit auch die Träume eine Reihe von Versandapotheken-Inhabern, die mit der doch sehr hohen Bewertung der shop-apotheke.com entweder bereits in potentielle Verkaufsgespräche gegangen sind, oder dies aber in kürzester Zeit beabsichtigten. Genau wie vor gut 8 Jahren, keimten in den vergangen Tagen und Wochen Hoffnungen bei VersandapothekernInnen auf, dass ein zweiter Frühling vor der Tür stehen könnte. Ein Traum, der, so wie ich Glaube, nun für viele geplatzt ist.

Zudem stellt sich für viele potentielle Käufer einer Versandapotheke momentan die Frage – und das ist eine Frage, mit der ich aktuell häufiger konfrontiert werde – wie eine Versandapotheke bewertet werden soll, die entweder noch nie, oder aktuell keinen Gewinn ausweist?

Das kommt gar nicht so selten vor. Also, dass eine Versandapotheke nicht unbedingt hochprofitabel ist. Denn: Klar ist auch, dass Versandapotheken noch immer klassische Händler sind (auch wenn das viele ApothekerInnen so nicht hören wollen), die auch noch mit einem recht bescheidenen Rohertrag leben müssen. Es sei denn, sie schaffen es, eine intelligente Nicht-OTC- bzw. Eigenmarken-Strategie zu fahren.

Zurück zur Beantwortung der Frage, wie eine Versandapotheke bewertet werden soll, die entweder noch nie, oder aktuell keinen Gewinn ausweist? Sicherlich ist diese soeben gestellte Frage für potentielle Verkäufer nicht einfach zu beantworten, gilt es bei der Bewertung doch abzuwägen, welche strategische Perspektive ein potenzieller Investor bzw. Käufer mitbringt. Das heißt, welche Synergien im Rahmen einer strategischen Allianz gehoben werden können. Hier muss im Einzelfall abgewägt werden, ob ein 1+1 in Summe dann doch mehr als 2 ergeben könnte. Synergien sind in vielen Richtungen und Dimensionen denkbar. Diese könnten in einem gemeinsamen Einkauf, der gemeinsamen Vermarktung oder auch in der Nutzung nicht vermarktbarer Werbeplätze, im Sinne eines „Media for Revenue“-Deals, gehoben werden.

Aber zurück zum Anfang: Ich freue mich, dass der Markt im Apothekenversandhandel endlich seit Jahren mal wieder in Bewegung kommt und bin gespannt, welche neuen Herausforderungen mit den aktuellen Entwicklungen in den nächsten Wochen und Monaten einher gehen werden.

Hagen no tie

Dr. Hagen Sexauer ist Gründungspartner der Management-Beratung CLAVIGO PARTNERS und berät seit mehr als 14 Jahren Entscheidungsträger der Pharma- und Health-Care-Branche zu absatzstrategischen Themenstellungen. Seine Beratungsschwerpunkte liegen dabei in den Bereichen Marketing- & Vertriebsstrategien sowie in der Entwicklung und Neuausrichtung von (Online-)Geschäftsmodellen. Darüber hinaus ist er Herausgeber einer Reihe von Management-Büchern sowie Autor zahlreicher Fachartikel.

Kontakt: hagen.sexauer@clavigo-partners.com / +491726738013

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